Der hohe Wert alter Bäume für die Stadt
Diese Seite enthält weitere Erläuterungen zur wissenschaftlichen Publikation:
Croeser, T., Weisser, W.W., Hurley, J., Rötzer, T., Parhizgar, L., Sun, Q. & Bekessy, S.A. (2025) Defining ‘adequate’ tree protection: Meeting urban canopy targets requires careful retention of mature trees. Landscape and Urban Planning, 264, 105484.
Bäume sind der wichtigste Teil der „grünen Infrastruktur“ einer Stadt. Große Bäume mancher Arten wie der Winterlinde haben einen „Blattflächenindex“ (LAI) von mehr als 4, d.h. sie die Fläche aller Blätter ist mehr als viermal so groß wie die Fläche unter der Krone. Eine 110 Jahre alte Winterlinde hat einen Kronendurchmesser von über 17 Meter. Dies entspricht einer Kronenprojektionsfläche von über 200 Quadratmetern und einem Kronenvolumen von über 4500 Kubikmetern (ZSK, Rötzer et al. 2021). In der großen Krone wird Sonnenlicht in Energie umgewandelt, Sauerstoff produziert und Wasser verdunstet . Die Verdunstung kühlt die Umgebung und die Reduktion der Sonneneinstrahlung spendet Schatten. Zusätzlich filtern die Blätter Feinstaub aus der Luft und Laub und Äste dämpfen den Stadtlärm. Bei Regen fangen die Kronen viel Wasser auf, das verzögert in den Boden geht. Die Blätter der Bäume sind Nahrung für viele Insekten, die wiederum von vielen anderen Tieren gefressen werden. Im Stammholz können Spechte und in der Krone Stieglitze ihre Neste bauen und oder auch Eichhörnchen ihren Kobel. Alle diese Funktionen von Bäumen hängen von ihrer Größe ab. So hat eine 10-jährige Winterlinde nur einen Kronendurchmesser von 2,5 Metern und ein Kronenvolumen von ca. 13,8 Kubikmetern. Eine 110 jährige Winterlinde hat also mehr als das 330fache Kronenvolumen der 10jährigen Winterlinde. Auch für die Tiere in der Stadt ist die Größe der Bäume entscheidend: Eichhörnchen bauen ihren Kobel nur in Kronen, die mindestens 6m hoch sind und Buntspechte hämmern ihre Höhlen fast ausschließlich in Bäume, die einen Brusthöhendurchmesser von mindestens 40cm haben. Ein neu gepflanzter Baum kann also die Leistungen eines alten Baumes nicht ersetzen. Viele neu gepflanzte Bäume sind sogar deutlich jünger als 10 Jahre und somit noch kleiner.
Es ist also nicht nur die Anzahl der Bäume, die entscheidet, wie wirkungsvoll Bäume in der Stadt sind, sondern wie groß und damit wie alt sie sind. Leider werden täglich alte Bäume in unseren Städten gefällt, aus den unterschiedlichsten Gründen. Die Baumschutzsatzungen der Städte sehen dann zwar meist vor, den gefällten alten Baum durch einen jungen Baum zu ersetzen. Dies bedeutet jedoch, dass zwar die Anzahl der Bäume gleich bleibt, aber jedes Mal ein großer Teil der Leistungen des Baumes verloren geht, bei alten Bäumen oft über 90%.
Das Fällen von alten Bäumen hat große Konsequenzen für die Kronenbedeckung in der Stadt
Wir haben in unserer Arbeit untersucht, wie sich das Management alter Bäume auf die Entwicklung der Baumkronenbedeckung in einer Stadt entwickelt. Das von uns entwickelte Modell nutzt realistische Wachstumsdaten und Verteilungen von Baumaltern in einer Stadt und simuliert, wie sich die Entfernung und der Ersatz von Bäumen auf die gesamte Baumkronenbedeckung einer Stadt auswirkt. Als Zielwert haben wir eine Kronenbedeckung von 30% genommen, ein Wert, der von immer mehr Städten weltweit angestrebt wird. Wir haben simuliert, wie sich die Kronenbedeckung entwickelt, wenn Städte pro Jahr 1 Prozent der alten Bäume, 2 Prozent der alten Bäume usw. fällt und die alten Bäume durch junge Bäume ersetzt. Die Grafiken unten zeigen das Wachstum einzelner Bäume (einzelne farbige Linien) und die erreichte Kronenbedeckung in der Stadt (dicke schwarze Linie) von heute bis zum Jahr 2050, also über einen Zeitraum von etwa 25 Jahren.



Baumschutzsatzungen, die einen 1:1 Ersatz vorsehen, aber alte Bäume nicht vorrangig erhalten, erreichen also letztendlich nicht ihren Zweck . Ihre Umsetzung führt zu einer Abnahme des Kronenvolumens in der Stadt. Es hilft auch nicht, wenn 2 oder 3 kleine Bäume statt eines alten Baumes gepflanzt werden. Wie das Beispiel der alten Winterlinde zeigt, müssten 330 neue Bäume für eine gefällte 110 Jahre alte Winterlinde gepflanzt werden und selbst dann könnten weder der Buntspecht noch das Eichhörnchen diese Bäume nutzen. Der Wert der alten Bäume wird also systematisch unterschätzt.
Bäume werden oft misshandelt
Ein oft gehörtes Argument für Baumfällungen ist, dass Stadtbäume nicht alt werden können, krank werden und deswegen gefällt werden müssen. Oft werden der Klimawandel und das heiße Stadtklima als Grund dafür genannt. Dabei wird ignoriert, dass es viele Möglichkeiten gibt, das Wachstum von Bäumen und die Wasserversorgung von Bäumen zu fördern. Leider werden heute noch Bäume so gepflanzt, dass sie Wassermangel leiden werden, wenn es nicht genug regnet. Typische Fehler sind kleine Baumscheiben, d.h. ein sehr kleiner nicht gepflasterter Raum um den Stamm, die Abdeckung der Baumscheibe mit einem „Baumschutzrost“, oder auch ein geringer Bodenraum für das Wachstum der Baumwurzeln. Andere Länder wie etwa Australien sind da sehr viel fortschrittlicher, da sie größere Baumscheiben planen oder auch die sogenannte passive Bewässerung nutzen, also z.B. die Hinleitung von Regenwasser, das auf die Straße fällt, zu den Bäumen. Auch unterirdische Leitsysteme für Wurzeln werden in einigen Ländern genutzt.

Das Hauptproblem in Deutschland ist jedoch, dass auch alte Bäume nicht gut behandelt werden. Im Gegensatz zu z.B. Kopenhagen, wo neuer Bodenraum für alte Bäume geschaffen wird (Bühler et al. 2007), bleibt die Baumscheibe in Deutschland oft klein und weder die Baumscheibe noch der verfügbare Bodenraum werden im Zuge von Straßenbauarbeiten erweitert. Im Gegenteil, Straßenbauarbeiten wie eine Erneuerung der Straßendecke schädigen alte Bäume, weil Wurzeln im Zuge der Bauarbeiten beschädigt werden. Zudem nehmen Leitungsarbeiten, von Wasser, Abwasser, Gas, Telefon und Internet ebenfalls oft keine Rücksicht auf Bäume und ihre Wurzeln.
Schließlich tragen auch Pflegemaßnahmen zu einem früheren Tod von Bäumen bei, wie etwas das „Köpfen“ der Bäume oder auch das Abschneiden von Stämmen oder starken Ästen. Dieses ist meist unnötig, erhöht aber die Chance für Pilzbefall und Zersetzung.


Wie kann die Situation verbessert werden?
Städte können sehr viel mehr tun, um ihre alten Bäume zu schützen. Zu oft werden Baumfällungen genehmigt, obwohl Bäume noch sehr vital sind. Architekten und Stadtplaner beziehen Bestandsbäume zu selten in ihre Planungen ein. Anstatt einen Entwurf zu entwickeln, der vorhandene Bäume integriert, wird oft so getan, als wenn es in einem Projektgebiet keine Bäume gibt oder diese eben einfach durch neue Bäume ersetzt werden können. Der oft verwendete Spruch „Baurecht bricht Baumrecht“ ist rechtlich falsch, und meist nur ein Zeichen für schlechte Planung z.B. im Bebauungsplan.
Straßenbauarbeiten können systematisch dazu genutzt werden, die Wuchsbedingungen für alte Bäume zu verbessern. Das Leitungsrecht der Wasserversorger, der Telekom und anderer Versorger bedeutet nicht, dass Bäume geschädigt werden dürfen. Tatsächlich ist die schlechte Planung und Koordination bei der Verlegung von Leitungen ein wesentlicher Grund dafür, das bestehende Bäume geschädigt und für neue Bäume kein Platz gefunden wird. Hier liegt eine wesentliche Aufgabe von Kommunen, die Planungsprozesse koordinierter durchzuführen.
Hilfreich für Baumgutachter und Baumeigentümer wäre zudem eine Gesetzesänderung wie in Österreich, die die Haftung reduziert und u.a. abhängig vom Standort des Baumes macht. Auch eine Reduktion der Haftung auf Fälle von grober Fahrlässigkeit würde alten Bäumen sehr helfen. Letztendlich sind tragische Ereignisse, bei denen Menschen außerhalb von Wäldern durch herabfallende Äste oder umfallende Bäume zu Schaden kommen, sehr selten. Auch hier ist ein Vergleich mit anderen Ländern hilfreich. So verlieren viele der in Australien in Städten angepflanzten Bäume, u.a. viele Eucalyptus-Arten, das ganze Jahr hindurch regelmäßig Äste, so dass der Boden unter den Bäumen fast immer mit Blättern und Ästen übersät ist und dieser Zustand ist in der Öffentlichkeit akzeptiert.
Literatur
Bühler, Oliver, Palle Kristoffersen, and Søren Ugilt Larsen. "Growth of street trees in Copenhagen with emphasis on the effect of different establishment concepts." Arboriculture & Urban Forestry (AUF) 33.5 (2007): 330-337.
Rötzer, T., Reischl, A., Rahman, M., Pretzsch, H., Pauleit, S. (2021): Elektronischer Anhang zum Leitfaden zu Stadtbäumen in Bayern. Handlungsempfehlungen aus dem Projekt Stadtbäume – Wachstum, Umweltleistungen und Klimawandel. Zentrum Stadtnatur und Klimaanpassung, 150 Seiten.